О Викторе Луферове

Mit Klampfe und Sichel

Fuß aus dem Matsch: Wiktor Luferow singt vom Elend und der Schönheit des Ostens

Wenn Wiktor Luferow, ein kleiner, kräftiger Mann mit großem Kopf und strubbeligen schwarzen Haaren, auf der Bühne flüstert und schreit, stampft und tänzelt, wirkt er wie der Russen liebste Märchenfigur. Iwan-Duratschok, der Hans im Glück der russischen Folklore, kommt nach langer Wanderschaft in sein Dorf zurück, mit Schätzen, die nur Träumer für wert halten. Ein bißchen älter ist er geworden, unser Iwan, werden die Leute sagen. Aber ob er auch klüger geworden ist?

„Ich bau mir ein Haus aus leeren Konserven, / und nehm mir einen hellroten Mantel, / und gehe durchs Leben wie der Sonderling aus alten Märchen, / der die Welt mit offenem Mund bestaunt."

Der knapp 50jährige Luferow spielt seine Gitarre grundsätzlich mit aufgekrempelten Ärmeln. Seine zupackenden Griffe sprechen von den Brotberufen, mit denen sich der Absolvent einer Ingenieur-Hochschule seit Ende der 60iger Jahre die Freiheit zum Liedermachen verdiente: Nachts klebte er Plakate auf Moskaus Straßen oder fegte die Höfe eines Wohnkomplexes. Luferows Stimme ist rauh, die Texte sind lyrisch, spöttisch oder melancholisch, und seine Musik ist - anders als die vieler anderer russischer Liedermacher - variantenreich von swingendem Beat bis zu melodischen Läufen.

In diesen Wochen tingelt der Wanderbursche mit einem Programm aus eigenen mal spöttischen, mal melancholischen Liedern, Songs seiner großen russischen Kollegen, Gaunerliedem aus den Städten und Lagern seiner Heimat durch Berlin; zuletzt - mit Bettina Wegner und ihren Protestsongs im Vorprogramm - am Sonnabend in der Pankower „Klappsmühle". Aber keine Angst: wenn Luferow im Lied über die Eberjagd ein ganzes Moskauer Straßentheater nachspielt oder erotische Scherzlieder vom Dorf auf einer rostigen Sichel begleitet, verweht schnell der Hauch von "Berlin meets Friedensbewegung Ost". „Und damit die Bäume und Blumen schneller wachsen, / werde ich morgens auf der Flöte spielen. / Und damit die Kraniche euch nicht davonfliegen".

Anders als seine Vorbilder der ersten Generation der singenden Poeten, Alexander Galitsch und Wladimir Wysotzkij, war Luferow in der Sowjetunion nie ein "großer Dissident", wie er am Morgen vor dem Konzert in der Küche einer Wohngemeinschaft gesteht". "Dem Schlechten und dem Schmutz" des Sowjetsystems konnte und wollte er nur "Lieder voller Schönheit" entgegensetzen. In einem neueren Lied an seinen vemnglückten Kollegen Jurij Adelung heißt es: „Sie kamen, um ohne Heuchelei zu singen und ohne uns zu beugen".

Nach der ersten kurzen Blüte des russischen Autorenlieds Ende der sechziger Jahre, die 1970 in einem großen Sangerfest in Odessa gipfelte und zugleich endete, sangen die russischen Barden lange nur in Privatwohnungen und, selten, bei halbillegalen 0pen-Air-Konzerten am Stadtrand. Die zweite Blüte, die mit Perestroika kam, droht jetzt im politischen und kommerziellen Chaos zu verkommen, sagt Luferow. In einem neuen Lied besingt er einen der Elendsmärkte in Moskau, auf dem "die Leute hinterm Zaun im Schmutz stehen und ihre letzten Habseligkeiten verkaufen". Der Sänger aber spielt mit seinem "Kleinen Jazz" - so der Titel des Songs -auf. Sieh an, unser Wiktor, denken vielleicht die Leute, der bringt uns immer noch zum Lachen, und sie heben eine Fußspitze aus dem Matsch. 

AMORY BURCHARD
(aus: Der Tagesspiegel vom 11.4.1994, S. 10)

 


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last updated: 04.02.02